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25. November: Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

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Am 25. November ist Aktionstag gegen Gewalt an Frauen. Die Vereinten Nationen erklärten diesen Tag 1999 offiziell zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Die Neue Frauenbewegung organisierte jedoch schon in den späten 1970ern Aktionen und Veranstaltungen die Gewalt an Frauen sichtbar machten.

Text

Jährlich am 25. November ist Internationaler Aktionstags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Er wurde erstmals 1981 von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen aus Lateinamerika und der Karibik initiiert und 1999 von der UN als offizieller Gedenktag anerkannt. Der Tag hat das übergeordnete Ziel, die Einhaltung und Stärkung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen weltweit zu fördern. Thematisiert werden u.a. Zwangsprostitution, sexueller Missbrauch, Sextourismus, Vergewaltigung, weibliche Genitalbeschneidung, häusliche Gewalt, Zwangsheirat, geschlechtsselektive Abtreibung, weibliche Armut sowie Femizid. In einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung (2024) heißt es: „Egal ob in Indien, Argentinien oder Deutschland: Körperliche und seelische Verletzungen von Frauen sind weltweiter Alltag – ebenso wie der Kampf von Frauen dagegen. Allein in Europa wurde jede dritte Frau irgendwann in ihrem Leben Opfer von körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Weltweit sind es laut Zahlen der WHO (2017) sogar 35 Prozent der Frauen.“  

Auch das i.d.a.-Fundstück dreht sich um diesen wichtigen Tag. Fünf unserer Einrichtungen zeigen Sammlungsstücke zu dem Thema aus ihren Archiven. Das FFBIZ hat ein Plakat der ersten westdeutschen „Reclaim the Night“-Demo mitgebracht, mit der Frauen 1977 ein Zeichen gegen Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt setzten. Vom Gosteli-Archiv gibt es ein Flugblatt für den Fahrdienst des Vereins „Frauen fahren Frauen“, ein Nachttaxi, wie es sie heute noch immer gibt. Rassistische Anschläge und eine verschärfte Asylpolitik in den 1990er Jahren führten zur Gründung eines Frauenhauses für Migrantinnen, der sogenannten „Villa Courage“ in Freiburg, die die Femwerkstatt gleich in mehreren Fundstücken vorstellt. Außerdem zeigt das Lieselle aus Bochum ein Buch zum Thema Sextourismus. Vom FMT gibt es dazu einen Beitrag zum Kölner "Tribunal: Gewalt gegen Frauen" von 1978.

Wir rufen alle auf, sich am 25. November an den verschiedenen Aktionen zu beteiligen und gemeinsam ein Zeichen zu setzen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen!

LIESELLE - Queer*Feministische Bibliothek und Archiv

„Zum Beispiel Sextourismus“ (Lamuv Verlag) erschien 1988 im Rahmen der Buchreihe „Süd-Nord“, die das Verhältnis zwischen Industrienationen und dem globalen Süden (hier noch unter dem rassistischen Begriff „Dritte Welt“ zusammengefasst) anhand der Kontextualisierung konkreter Beispiele thematisiert. Denn Armut, Hunger, Unterdrückung und Ausbeutung existieren nicht in einem Vakuum. Sie sind Teil von Strukturen, von denen „der Norden“ profitiert. Unter der Redaktion von Ekkehard Launer sammelt dieses zunächst unscheinbar wirkende kleine Büchlein im A6-Format 20 verschiedene Zugänge zum Thema Sextourismus, die von Briefen bis hin zu kritischen Einordnungen reichen.

Besonders eindrucksvoll ist ein handgeschriebener Brief eines Bundesbürgers an die deutsche Botschaft in Bangkok, in dem er mit aller Selbstverständlichkeit die Botschaft nach Informationen bezüglich zuverlässiger Ärzte und einer ungefähren Einschätzung der Untersuchungskosten bittet, da er plant während seines Aufenthalts ein „Thai-Mädchen“ zu „engagieren“ und nicht „mit Tripper oder Syphilis nach Deutschland zurückkommen“ möchte. Reiseführer- und Ratgeber in den 1980er Jahren führen die einheimischen „Mädchen“ als Attraktionen der jeweiligen Zielländer auf, als stünden sie dem weißen Mann zu wie ein Grundrecht. Doch auch Männer aus den Nachbarländern, insbesondere Japan und Korea, sind stark überrepräsentiert als Sextouristen.

Deutlich wird auch: Die Strukturen, die ihren Ursprung in der Kriegszeit der 1960er haben und zur Unterhaltung der Soldaten diente, werden auch bis heute noch durch enorme Armut aufrechterhalten. Auf Schutz von staatlichen Institutionen oder der Regierung können die Opfer dieser sexuellen Ausbeutung nicht zählen, denn schon längst hat sich das die Branche als profitables Geschäft für Zuhälter, Hotels, Reiseunternehmen und auch die Polizei erwiesen. So bleibt nur die Selbstorganisation und Solidarität im Kampf gegen patriarchale Gewalt und auch diese Versuche der Selbstermächtigung werden in dem Buch vorgestellt.

 

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Bildunterschrift
Scan aus „Zum Beispiel Sextourismus“ (Lamuv Verlag, 1988).

 

Gosteli-Archiv - Geschichte schweizerischer Frauenbewegungen

Der ständigen Angst vor Übergriffen wollten sich Ende 1980er Jahre Frauen aus Bern nicht mehr unterwerfen. Sie gründeten 1988 den Verein „Frauen fahren Frauen“, um Frauen in und um Bern nachts einen sicheren Nachhauseweg zu ermöglichen, und zwar bis vor die Haustüre. Von 1989 bis 1994 organisierten sie einen Fahrdienst für die Nächte von Freitag und Samstag. Der öffentliche Verkehr war damals noch nicht genügend ausgebaut, Busse verkehrten nur am frühen Abend und ohne Taktfahrplan, Autobesitz war noch keine Selbstverständlichkeit und Taxis relativ teuer. Mobile Telefone, um Autodienste zu bestellen oder auch im Falle von Gefahr zu alarmieren, gab es noch nicht.  

Vereinsmitglieder (Vereinsbeitrag 50 Franken / Jahr) konnten sich gegen einen Betrag von 4 Schweizer Franken für innerstädtische und 7 Franken für Fahrten in der Umgebung individuell und als Sammeltransport heimfahren lassen.  

Das Schweizerische Rote Kreuz vermietete dem Verein einen VW-Bus, der Vorstand und die Fahrerinnen amteten ehrenamtlich. Die Nachfrage nach dem Fahrdienst war gross, das Angebot jedoch eingeschränkt, weil sich trotz aufopfernder Vorstandarbeit nicht genügend Frauen für ehrenamtliche Nachtfahrten fanden. Der Vereinsvorstand bemühte sich erfolglos um eine Subvention der Stadt Bern. Zwischen 1990 und 1994 brach die Aktivität teilweise zusammen. Nach 1996 löste sich der Verein auf.  

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FemWerkstatt Freiburg - Feministische Geschichtswerkstatt e.V.

Vor dem Hintergrund rassistischer Anschläge und den radikalen Einschränkungen des Asylrechts der 1990er Jahre entstand dieVilla Courage. Sie ist eines von vielen Projekten, die damals mit konkreter Solidarität auf die migrationsfeindliche Politik und die neofaschistischen Angriffe reagierten. Anfang 1990 entwickelten Aktivistinnen aus Freiburg die Idee, ein Frauenhaus für Migrantinnen und für Frauen auf der Flucht aufzubauen. Ein Haus in Selbstverwaltung, betrieben von Migrantinnen für Migrantinnen. Keine Sozialarbeit von weißen Feministinnen für Schwarze Frauen – stattdessen solidarische Unterstützung im Hintergrund, um das Projekt auf die Beine zu stellen und an Migrantinnen zu übergeben. So die Idee.

Mittels Direktkrediten und Spenden konnte ein geeignetes Haus außerhalb der Stadt gekauft, renoviert und von einem eigens gegründeten Verein betrieben werden. Für die Zeit des Aufbaus und dem darauffolgenden Alltag hieß das vor allem: viel Verantwortung und viel unbezahlte Arbeit. Die Aufgabenteilung im Projekt lässt sich aus den überlieferten Papieren im Archiv ungefähr nachvollziehen. Befristete Honorarverträge finanzierten die mitarbeitenden Migrantinnen vor Ort. Doch die von allen – dem mehrheitsdeutschen Vorstand und dem migrantischen Hausteam – geleistete unbezahlte Arbeit, wurde zu einer immer größeren Belastung. Nicht einfach zu lösende Konflikte entstanden, die u.a. mit dem Gefälle der Handlungsmacht der deutschen und der migrantischen Aktivistinnen zu tun hatten, sich aber auch um den richtigen und falschen Feminismus drehten.

Diese Aushandlungen führten 1995 zu einem Wechsel der Betreiberinnen. Mit dem Ende der 90er Jahre kamen freundlichere Zeiten: Es gab öffentlich geförderte, befristete Stellen und ein halbwegs finanzierbarer Betrieb war fast vorstellbar. Dennoch musste die Villa Courage 2002 aufgrund von hohen Schulden aufgegeben werden. 

 

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Bildunterschrift
Material zur Villa Courage im FemArchiv Freiburg

FFBIZ - das Feministische Archiv

„Frauen, wir erobern uns die Nacht zurück“ – so lautete der Titel des Ankündigungsplakats zur Walpurgisnacht-Demo am Berliner Savignyplatz. Abgebildet ist eine Frauengruppe mit Trommeln vor Szenerien von Frauen in nächtlichen Städten. “Reclaim the Night“, das war der Slogan der internationalen Kampagne, die sich ab Ende der 1970er Jahre im Kontext der Frauenbewegung gegen sexualisierte Gewalt einsetzte. Konkret ging es den Demonstrierenden um die Forderung nach Sicherheit für Frauen – zu jeder Tageszeit und vor allem auch nachts im öffentlichen Raum.

Die erste westdeutsche „Reclaim the Night“-Demonstration fand auf Initiative verschiedener Frauenzentren in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1977, also in der Walpurgisnacht statt. In Solidarität mit den verfolgten und ermordeten Frauen der historischen Hexenprozesse eigneten sich die Demonstrierenden den oft abwertend gebrauchten Begriff „Hexe“ an: Sie verkleideten sich, zogen mit Fackeln und Kerzen durch die nächtlichen Straßen, trommelten auf Kochtöpfen oder bliesen in Trillerpfeifen. Die Hexe wurde zur Identifikationsfigur.

Der auf dem Plakat benutzte Spruch „Setzen Frauen sich zur Wehr, gibt es keine Vergewaltigung mehr!“ muss aus heutiger Sicht aber kritisch betrachtet werden, verortet er die Verantwortung für ein Ende sexualisierter Gewalt doch bei den Betroffenen.
Seit Ende der 1980er Jahre werden die Demonstrationen in vielen Ländern am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, oder am 8. März. dem Internationalen feministischen Kampftag abgehalten. Seitdem hat sich auch das Themenspektrum erweitert: Heute richtet sich der Protest nicht mehr nur gegen sexualisierte Gewalt, sondern auch gegen andere Formen von Gewalt und Diskriminierung.

 

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FrauenMediaTurm - Feministisches Archiv und Bibliothek

 

Zum Aktionstag gegen Gewalt an Frauen bietet dieses Fundstück, ein Plakat aus dem Jahr 1978 Einblicke in ein frühes Beispiel feministischer Anti-Gewalt-Politik: das „Tribunal: Gewalt gegen Frauen“, organisiert vom Frauenzentrum Köln und von Frauen helfen Frauen. Aufgerufen wurde zu einem Tribunal, das vom 28. bis 30. April 1978 in der Gesamtschule Köln-Höhenhaus stattfand. Der „Gewaltkatalog“ reichte von Misshandlungen in der Ehe über das Abtreibungsverbot, Lohnungleichheit und Hausarbeit bis hin zu frauenfeindlicher Werbung und der „Erziehung zur Duldsamkeit“. Gewalt erschien hier als Geflecht aus körperlichen, rechtlichen, ökonomischen und symbolischen Zumutungen, das Frauen in nahezu allen Lebensbereichen begrenzte.

Das auf dem Plakat angekündigte Programm folgte der Logik feministischer Selbstermächtigung: Am Freitagabend berichteten betroffene Frauen, am Samstag wurden diese Erfahrungen in Arbeitsgruppen ausgewertet und zu Kategorien verdichtet, am Sonntag die erarbeiteten Gegenstrategien vorgestellt. Den Abschluss bildete eine Nachtdemonstration am Dom – die zweite Walpurgisnachtdemonstration in der Bundesrepublik –, mit der die Anklage aus dem Tribunal in den öffentlichen Raum getragen wurde. Eine Ausstellung mit dem Titel „Ohnmacht der Frauen in der Sexualität“ sowie performative Aktionen, bei denen Frauen auf pornographischen Heften herumtrampelten, machten das Thematik auf mehreren Ebenen erfahrbar. Inhaltlich breit aufgestellte Arbeitsgruppen verdeutlichen, dass das Tribunal als Raum für Analyse, Vernetzung und praktische Organisierung konzipiert war. Praktisch wurde das auch durch eine organisierte Kinderbetreuung vor Ort ermöglicht.

Ein zentrales Element des Plakats bildet die Fotografie der Verhaftung Emmeline Pankhursts von 1914. Die Bezugnahme auf die britische Suffragette schlägt eine Linie von der militanten britischen Frauenstimmrechtsbewegung zur Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre.

Das Kölner Tribunal knüpfte an das erste internationale Tribunal „Gewalt gegen Frauen“ 1976 in Brüssel an, in dessen Rahmen Gewalt im Kontext von Bevölkerungspolitik, Krieg und Rassismus verhandelt wurde und der Begriff „Femizid“ erstmals größere Verbreitung fand. Wie in Brüssel ging es auch in Köln darum, Frauen sprechen zu lassen, deren Erfahrungen in offiziellen Institutionen kaum Gehör fanden, und aus ihren Berichten politische Kategorien zu entwickeln. 

Berichte, wie „Die Gewalt in unseren Köpfen: Kölner Kongreß“ von Sybille Plogstedt in der Courage (1978/6, S. 7-8) hoben hervor, dass in Köln weniger konkrete Strategien entstanden, dafür jedoch ein erweitertes, psychologisches Verständnis von Gewalt: Neben Sexual- und Beziehungsgewalt definierten die Teilnehmerinnen auch Entscheidungseinschränkungen, ungleiche Bezahlung oder der Zwang, im eigenen Beruf „gegen andere Frauen zu handeln“, als Formen von Gewalt.

Die Berichte und das Plakat werfen eine bis heute aktuelle Frage auf, die bereits 1978 in Köln mitschwang: Welche Formen von Gewalt werden weiterhin nicht als solche benannt – und wessen Stimmen bleiben noch immer ungehört?

 

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Bildunterschrift
Plakat zum „Tribunal: Gewalt gegen Frauen“ 1978 in Köln, Signatur: FMT, PT.1978-04

 

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