Care-Arbeit

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Am 29. Februar ist Equal Care Day, der 2016 ins Leben gerufen wurde und die ungerechte Verteilung der weitgehend „unsichtbaren“ Fürsorgearbeit ins Zentrum rückt. Die Frauenbewegung hat sich damit jedoch schon deutlich länger beschäftigt, wie ein Blick in die Bestände der i.d.a.-Einrichtungen zeigt.

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Care-Arbeit ist zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt. Das hat unter anderem die Corona-Pandemie deutlich gezeigt, als in den Familien die Haus- und Sorgearbeit überwiegend den Frauen zugeteilt wurde. Doch das Bewusstsein darüber gab es natürlich schon vorher. 2016 wurde der „Equal Care Day – Aktionstag für mehr Wertschätzung und eine faire Verteilung der Sorgearbeit“ ins Leben gerufen und auf den 29. Februar gelegt. Dass der Tag an drei von vier Jahren übergangen wird, soll als Symbol für die unsichtbare, weil gerne übersehene Sorgearbeit dienen.

Die Materialien aus unseren i.d.a.-Einrichtungen zeigen, dass sich Frauenrechtlerinnen und die Frauenbewegung bereits seit über 100 Jahren mit dem Thema beschäftigen. Von der Sorge um die Doppelbelastung bei Frauen bis zur Forderung der bezahlten Hausarbeit, der Kampf um eine gleichberechtige Verteilung der Care-Arbeit hat eine bewegte Geschichte.

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Emanzipation vs. Care-Arbeit: Dauerbrenner der Frauenbewegungen

Wir haben in unsere Ausgabe von Luise Büchners „Die Frauen und ihr Beruf“ (1856) reingeschaut: wie diskutierten Frauen den Konflikt zwischen Emanzipation und Care-Arbeit vor 170 Jahren?

Die Frauenrechtlerin Luise Büchner sah ein Grundproblem in der Gleichstellung von Mann und Frau: wenn die Frau gleich viel außer Haus arbeitet wie der Mann, wer erfüllt dann die (unbezahlte) Hausarbeit? Die Frau natürlich, denn die weibliche Seele gedeihe nur dann, wenn sie ihre häuslichen Pflichten wahrnehme (Büchner 1856, 14). Somit würde sich die emanzipierte Frau die Doppellast der bezahlten und unbezahlten Arbeit aufbürden, denn die Emanzipation des Weibes würde es nie dahin bringen, „daß der Mann zu Hause koche oder nähe, während die Frau draußen auf der Bank des Richters Recht spricht oder die Kanzel besteigt“ (ebd.14).

Büchner identifizierte damit ein Problem, das ein Dauerbrenner der Frauenbewegungen bleiben sollte: Wie organisieren Gesellschaften Care-Arbeit? 1912 fand beispielsweise ein Frauenkongress statt, bei dem unter anderem die Frauenrechtlerinnen Gertrud Bäumer, Helene Lange und Minna Cauer über die derzeitige Lage der Frauenbewegung diskutierten. Drei der fünf Tage widmeten sich explizit „Hauswirtschaft und Frauenfrage“ sowie „Berufsfragen“: Frauenbildung, berufstätige Frauen und der Konflikt zwischen Lohn- und Hausarbeit waren Top-Themen (FMT, FE.06.155).

Fünfzig Jahre später veröffentlichte Alice Schwarzer Frauenarbeit und Frauenbefreiung(1973), in dem sie aufzeigte, wie viele Stunden unbezahlte Arbeit jährlich in der BRD von Frauen geleistet wurde. Mit der Benennung des Werts der Hausarbeit begann eine kontroverse Debatte um einen Lohn für Hausarbeit – würde dies die Doppelbelastung, auf die bereits Büchner hingewiesen hatte, nicht noch weiter institutionalisieren? Oder würde es Mütter, die keiner Lohnarbeit nachgehen können, während sie Kinder großziehen und die Hausarbeit erledigen, eine Rente, eigene Krankenversicherung und Garantie auf geregelte Freizeit geben? (Mehr in unserem Dossier Nieder mit der Hausarbeit! Vereinbarkeit Familie und Beruf).

Seit der Abschaffung des § 1356 im Jahr 1977 können verheiratete Frauen in der BRD in der Theorie tagsüber Recht sprechen, ohne danach die Hausarbeit nach Gesetz allein stemmen zu müssen. Das 2019 von Sibylle Stillhart verfasste Werk „Schluss mit gratis! Frauen zwischen Lohn und Arbeit“ zeigt jedoch, dass noch immer daran gearbeitet wird, die jahrhundertealten Rollenbilder von der Hausfrau und vom außerhäusig arbeitenden Mann, der zuhause weder näht noch kocht, aufzusprengen.

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Bildunterschrift
Siddy Wronsky: Die Vereinheitlichung der Wohlfahrtspflege im Deutschen Reich, Berlin 1922. Bestand: AddF Kassel, Foto: AddF Kassel, Rechte vorbehalten.

ADDF - Archiv der deutschen Frauenbewegung

Siddy Wronsky – Die Vereinheitlichung der Wohlfahrtspflege im Deutschen Reich, Berlin 1922

Unser Beitrag zum Monatsthema führt uns erneut in die Zeit vor etwa einhundert Jahren, zu Siddy Wronsky (1883 – 1947), Sozialarbeiterin, Sozialreformerin und Akteurin in der bürgerlichen und jüdischen Frauenbewegung. Sie hat maßgeblich die Soziale Arbeit professionalisiert und arbeitete im Archiv für Wohlfahrtspflege, einer der größten Wohlfahrtseinrichtungen für Familien.

Siddy Wronsky plädierte für eine Reform der Wohlfahrtspflege, schrieb unzählige Fallanalysen und lehnte viele der vorherrschenden Bilder von wohlfahrtsbedürftigen Menschen ab. Sie widersprach vehement der Annahme, Hilfebedürftige seien für ihre Situation selbst verantwortlich; auch eine Unterscheidung in „würdige“ und „unwürdige“ Arme lehnte sie ab.

1921 gab sie zusammen mit Alice Salomon einen „Leitfaden der Wohlfahrtspflege“ heraus, der schnell zum Standardwerk wurde. In „Die Vereinheitlichung der Wohlfahrtspflege im Deutschen Reich“ aus dem Jahr 1922 prangert Wronsky die Handhabung der Wohlfahrtspflege an und gibt auch hier anhand von Fallanalysen Beispiele, wie man den betroffenen Personen oder Familien effektiver und nachhaltiger helfen könnte, welche finanzielle Unterstützung den besten Effekt gehabt hätten und welche Fehler und Gefahren in einer nicht vereinheitlichten Form der Wohlfahrtspflege lauern. Vor allem der Wirrwarr an zuständigen Stellen, die nicht miteinander kooperieren oder sich über die Hilfe-Empfangenden austauschen, kritisiert sie. Auch das Einteilungssystem der Wohlfahrt in Altersstufen sieht Wronsky kritisch – vielmehr müsse man die Gesamtheit sehen und dürfe nicht Mitglieder einer Familie zu verschiedenen Anlaufstellen schicken. Dies wird auch in einem ihrer angebrachten Beispiele deutlich:
„Frau W., die Witwe eines gelernten Tischlers, lebt mit 7 Kindern zwischen 5 und 15 Jahren und erwirbt durch Hausreinigung und Aufwartestellen den Unterhalt. Die Armenkomission hilft vielfach mit einmaligen und laufenden Unterstützungen wie mit Verschickung der dauernd kränklichen Kinder in Heilstätten und Bezahlung hoher Krankenhauskosten für fast alle Kinder. Daneben kümmern sich um die Familie Wohnungsamt und Jugendamt, Landesversicherungsanstalt und Krankenkasse durch ärztliche Behandlung, Arbeitgeber und Auslandshilfe, ohne daß es gelingt, trotz der Aufwendungen von über 11000 Mark in 8 Monaten und den Hilfsmaßnahmen von 15 verschiedenen Stellen, etwas Wirksames für die Familie zu leisten. Um den Gesundheitszustand bekümmern sich: 1. Armenkommision, 2. Säuglingsfürsorgestelle, 3. Krankenkasse, 4. Krankenhaus, 5. Landesversicherungsanstalt, 6. Quäkerspeisung, 7. Kindergarten, 8. Quäkerheim, 9. Zentrale für private Fürsorge; um wirtschaftliche Maßnahmen: 1. Armenverwaltung, 2. Bezirksvorsteher, 3. Wohnungsamt, 4. Frauenwohlfahrtsstelle, 5. Zentrale für private Fürsorge, 6. Arbeitgeber, 7. Kriegsfonds. Trotz guter Veranlagungen der Familienmitglieder und langjähriger Bemühungen des verstorbenen Vaters, der Mutter und der gut erzogenen Kinder kommt es zu keiner gesunden Entwicklung der Verhältnisse, die durch eine planmäßige Zusammenarbeit aller Stellen und eine organisatorische Führung hätten erreicht werden können.“ (S. 23)

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Frauen*bildungszentrum DENKtRÄUME

In den 1970er Jahren nahm die internationale Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ Fahrt auf, vorangetrieben vom Internationalen Feministischen Kollektiv. Das Netzwerk lehnte den Weg zur Emanzipation über die Lohnarbeit ab, da Frauen dadurch letztendlich nur doppelt so viel arbeiten würden. Stattdessen forderten sie Lohn für die bisher unbezahlte Frauenarbeit. In der Frauenbewegung wurde diese Forderung kontrovers diskutiert.

Auch in Hamburg traf sich ab November 1977 eine Gruppe von acht Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen, um über das Thema zu diskutieren – die „Feministische Initiative Lohnloser Mütter“. Die Gruppe traf sich im „Forum zur restlosen Abschaffung der Unterdrückung“ (F.R.A.U.) und hatte Kontakt mit gleichnamige Gruppen unter anderem in München, Stuttgart und Berlin. Ausgehend von der eigenen Betroffenheit, jahrelang lohnlos Hausarbeit und Kindererziehung geleistet zu haben – ohne Rentenansprüche, geregelte Urlaubs- und Freizeit, eigene Krankenversicherung – schlossen sie sich der Kampagne an.

Im Austausch mit diesen anderen Städtegruppen und vielfach basierend auf marxistischen Analysen erstellten sie Informationsmaterial, in denen sie ihre Forderungen ausführten. Das Dasein als Mutter setzten sie dabei an zentrale Stelle: „Wir gehen davon aus, daß die FRAUENFRAGE die MÜTTERFRAGE ist. Nicht nur deshalb, weil 90% aller Frauen Mütter sind und es immer waren. Die Frauenfrage ist vor allem die Mütterfrage, weil die Wurzel der Ausbeutung durch die patriarchale Gesellschaft in der Gratisarbeit der Mütter an den Kindern und am Ehemann liegt. Die Diskriminierung der alleinstehenden Frau und besonders der doppelarbeitenden Mutter im Beruf ist nur eine FOLGE der Lohnlosigkeit der Mütter im Haus. Denn in jeder Frau wird die ‚Mutter ohne Wert‘ gesehen.“

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