Feministisch Lesen

Teasertext

Im Oktober findet jährlich die Frankfurter Buchmesse statt und auch der Tag der Bibliotheken am 24. Oktober lädt ein, sich mit Büchern und Lesen zu beschäftigen. Die i.d.a.-Einrichtungen haben daher aus ihren Beständen zusammengestellt was es heißt, feministisch zu lesen.

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Seit über 70 Jahren finden jedes Jahr im Oktober die Frankfurter Buchmesse statt. Für den Buchmarkt eine zentrale Veranstaltung und der in diesem Zusammenhang verliehene Deutsche Buchpreis prägt das Leseverhalten vieler Menschen. Seit Jahrhunderten jedoch ist der Kanon der Literatur männlich geprägt.

Doch auch wenn Frauen das Schreiben aufgrund gesellschaftlicher Umstände erschwert wurde, wie z.B. Virginia Woolf in ihrem berühmten Essay „Ein Zimmer für sich allein“ ausführt, schreiben – und lesen – Frauen schon lange, sie waren jedoch nicht immer sichtbar. Etliche Schriftstellerinnen haben ihre Texte unter einem männlichen Pseudonym veröffentlicht oder sie gerieten in Vergessenheit.

Um gegen diese Unsichtbarkeit anzugehen und den Zugang zu feministischer Literatur und Bücher von Frauen zu erleichtern, haben sich insbesondere in der Neuen Frauenbewegung viele Frauenbuchläden, -verlage und -bibliotheken gegründet – unter letzteren sind auch einige der heutigen i.d.a-Einrichtungen. In den letzten Jahren ist der Buchmarkt diverser geworden. Mehr und mehr Frauen, nichtbinäre Menschen und People of Color gewinnen an Anerkennung und es werden Themen sichtbar, die deren Realitäten abbilden.

Vor diesem Hintergrund bedeutet feministisch zu lesen, viele Aspekte zu berücksichtigen – von der inhaltlichen Gestaltung der Texte bis hin zu der Frage welcher Autor*innen überhaupt die Möglichkeit hatten in Verlagen veröffentlicht und damit gelesen zu werden. Unsere i.d.a-Einrichtungen stellen Schätze aus ihren Beständen vor, um dies zu beleuchten.

Sammlung Frauennachlässe

Feministisch Lesen – Was haben Feministinnen gelesen?

Texte zu verfassen war eine zentrale Tätigkeit der Aktivistinnen der Ersten Frauenbewegungen. Aber welche Zeitungen oder Bücher haben sie selbst gelesen? In ihren schriftlichen Nachlässen finden sich dazu die verschiedensten Spuren. Diese dokumentieren die Entwicklung der Ideen, der Argumentationen und Forderungen der Frauen und ermöglichen dadurch eine Kontextualisierung.

Ein solch besonderer Einblick in die Arbeit von Marianne Hainisch (geb. Perger, 1839-1936) ist in der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien möglich. Hier werden die Digitalisate von 48 Bänden ihrer Tagebücher aus dem langen Zeitraum von 1868 bis 1934 bewahrt. Dazu liegen auch die Digitalisate von 9 Bänden ihrer Notizen über die gelesene Literatur vor, die zwischen 1870 und 1895 aufgezeichnet wurden und ca. 400 Seiten umfassen.

1870 war Marianne Hainisch 31 Jahre alt und trat erstmals öffentlich für die Zulassung von Mädchen zu Realgymnasien und Universitäten ein. Vier Jahre zuvor hatte sie bereits den Wiener „Frauen-Erwerb-Verein“ mitbegründet.

Ihre Lektürenotizen sind – wie auch ihre Tagebücher – über die Jahrzehnte hinweg in immer gleiche Schreibhefte eingetragen. Manche sind auf Französisch verfasst, alle in Marianne Hainischs typischer heraufordernd flüchtiger Handschrift.

Die Hefte tragen durchwegs Titel wie das hier vorgestellte Beispiel der „Auszüge aus Werken die ich gelesen“. Diese Titel wurden (offensichtlich nachträglich) noch mit fortlaufenden Nummern versehen – in diesem Fall mit „I b“. Diese Ordnungen verweisen darauf, dass Marianne Hainisch ihre Aufzeichnungen systematisch weiterverwendet haben dürfte. Die Inhalte sind dabei sowohl Literaturlisten als auch kommentierte Exzerpte, in denen ebenfalls Spuren von Ausbesserungen entdeckt werden können, was wiederum auf Re-Lektüren hindeutet.

Die Digitalisate wurden vom Dr. Karl Renner-Museum für Zeitgeschichte Gloggnitz in Niederösterreich angefertigt und der Sammlung Frauennachlässe freundlicherweise zur Nutzung zur Verfügung gestellt. Die Originale befinden sich in Familienbesitz.

Webseite Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien

Literatur:

Michaela Königshofer: „Ich arbeite, suche zu helfen, zu lindern...“ Diaristische und journalistische Texte Marianne Hainischs während des Ersten Weltkrieges, in: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit, 2/2010, S 36-52.

dies.: „Lehren wir sie vor allem denken!“ Marianne Hainisch und die Bildung zum „Weibe“, in: Ariadne. Archiv der Deutschen Frauenbewegung, 63/2013, S 22-27.

dies.: „Ein Mädchen sein wird nicht mehr bedeuten ausgeschlossen sein...“ Mädchenbildung in den Tagebüchern und Publikationen von Marianne Hainisch (1839-1936), Wien, unveröffentlichte Dissertation, 2015. Onlinezugriff via Universitätsbibliothek Wien https://utheses.univie.ac.at/detail/34168#

Mehr zur Sammlung Frauennachlässe

Bildunterschrift
Marianne Hainisch (geb. Perger, 1839-1936): „Auszüge aus Werken die ich gelesen I b“ (undatiert), Deckblatt.

 

Bildunterschrift
Marianne Hainisch: „Auszüge aus Werken die ich gelesen I b“ (undatiert). Erste Seite mit dem in Tinte geschriebenen Verzeichnis der 15 in dem Heft besprochenen Publikationen.

 

Bildunterschrift
Marianne Hainisch: „Auszüge aus Werken die ich gelesen I b“ (undatiert). Dritte und vierte Seite mit dem Exzerpt von „Histoire Morale Des Femmes“. Der erste Teil des Eintrags ist mit Bleistift geschrieben, der zweite in Tinte.
Porträt von Gabriele Reuter
Quelle
AddF – Archiv der deutschen Frauenbewegung

 

Liebe und Stimmrecht / Seite 1
Quelle
AddF – Archiv der deutschen Frauenbewegung

 

Bildunterschrift
Collage aus Gabriele Reuters Werken

AddF - Archiv der deutschen Frauenbewegung

Gabriele Reuter (1859-1941)war eine moderne Schriftstellerin. Sie schrieb frauenbewegte Bestseller über die destruktive Seite weiblich-bürgerlicher Lebenswelten innerhalb patriarchaler Gesellschaftsstrukturen. Heute neu erinnert, gilt es sowohl ihr Lebenswerk als auch ihren Lebensweg ‚neu‘ zu entdecken: Im Fall Reuters ein Prozess, den vor allem engagierte Literaturwissenschaftler:innen seit den 2000er-Jahren forcieren. Gabriele Reuters Repertoire umfasste zahlreiche Romane, autobiografische Texte, Erzählungen, Jugendliteratur, Frauenbewegungsartikel und sogar Dramen. Einige ihrer Texte können bei Projekt Gutenberg eingesehen werden

Ab 1896 engagierte sich Gabriele Reuter im „Münchner Verein für die geistigen Interessen der Frau“, der 1894 von Ika Freudenberg (1858-1912) mitgegründet und langjährig geleitet wurde. Gabriele Reuters Engagement für Frauenrechte und den „Münchner Verein für die geistigen Interessen der Frau“ führte dazu, dass sie von 1896 bis 1898 im Vorstand des Vereins tätig war. In ihrer 1914 erschienen Schrift „Liebe und Stimmrecht“, führte Gabriele Reuter ganz im Sinne der Frauenbewegung aus, wieso das Wahlrecht für Frauen zum Prozess der „Menschwerdung“ gehöre.

Generell äußerte sich Reuter in ihren Texten meist kritisch über die Position der Frauen.

In ihrem sozialkritischen Durchbruchsroman „Aus guter Familie“ (1895) sezierte Reuter die herrschenden bürgerlich-patriarchalen Geschlechterideale: sie schildert den Lebensweg der intelligenten Agathe Heidling als Leidensweg. Die Protagonistin zerbricht schrittweise an den starren Vorgaben der ihr zugeschriebenen Frauenrolle, sodass sie mit Ende 20 als „alte Jungfer“ in eine Heilanstalt eingewiesen wird, wo sie ein monoton-freudloses Dasein fristet. Der Roman verschaffte dem damals noch jungen S.-Fischer-Verlag seinen ersten Bestseller und machte Reuters Protagonistin Agathe unter den Zeitgenoss:innen bekannter als Theodor Fontanes zeitgleich erschienene Effi Briest.

Victor Klemperer urteilte rückblickend, Reuter habe sich mit ihrem Roman zur „Führerin der Moderne“ gemacht (nach Faranak Alimadad-Mensch: Gabriele Reuter. Porträt einer Schriftstellerin, Bern 1984, S. 136.).

1897 gebar die unverheiratete Gabriele Reuter ihre Tochter Elisabeth. Die Erfahrungen, die sie während der Geburt in einem Gebärhaus, vorwiegend für ledige Mütter, in Erbach an der Donau machte, literarisierte sie im Roman „Das Tränenhaus“ knapp ein Jahrzehnt später (1908).

Die unterhaltsam verfasste Schrift „Das Problem der Ehe“ (1908), in der sie zwischenmenschliche Gegebenheiten der bürgerlich-heterosexuellen Ehe aufs Korn nimmt, ist ein noch heute lesenswertes Sittenbild aus zeitgenössisch frauenbewegter Perspektive.

Mehr zum bewegten Leben der Schriftstellerin gibt es auf unserer Website im Dossier von Mirjam Höfner.

Mehr zum AddF - Archiv der deutschen Frauenbewegung

FMT - FrauenMediaTurm

Berta Rahm und der Ala Verlag – warum wir heute feministisch lesen können.

Eigentlich kämpfte die Schweizer Architektin Berta Rahm gegen ihre Diskriminierung im Baugewerbe und für das Frauenwahlrecht, das die Schweizerinnen erst am 16. März 1971 durchsetzen konnten. Bei Recherchen in der Züricher Stadtbibliothek stieß sie eher zufällig auf die Namen alter Kämpferinnen für Wahlrecht und Gleichberechtigung der Frau. Sie fand hierbei genug Material, um verschiedene Biografien wie etwa die von Marie Goegg, Mary Wollstonecraft und Flora Tristan herauszugeben und gründete 1966 den Ala Verlag. Woher der Name stammte? Sie erfand einen Mann namens Peter Ala, der anscheinend mitarbeitete – denn von einem Frauenverlag wollte anfangs niemand etwas kaufen. In Wirklichkeit machte Berta Rahm die Arbeit allein und ging außerdem bezahlter Lohnarbeit nach, um sich über Wasser zu halten (Duden 1977, 13).

Rahm war maßgeblich am Ausbau der intellektuellen Infrastruktur der Neuen Frauenbewegung im deutschsprachigen Raum beteiligt. Vor allem für die Frauengeschichte schlug sie erste Pfade durch das Dickicht der Vergangenheit: Bücher, die Feministinnen über vergessene Pionierinnen der Frauenbefreiung informierten. Bücher, die später in den neugegründeten Frauenbuchläden verkauft werden und in Frauengruppen herumgereicht und diskutiert werden konnten.

So nutzte zum Beispiel der Frauenkalender das Buch über die peruanisch-französische Schriftstellerin Flora Tristan für einen Eintrag zu ihrem 175. Geburtstag am 7. April 1978 und wies in diesem Rahmen auch auf den Ala Verlag hin (FMT, NA.09.013-1978). Dafür wiederum bedankte sich Rahm explizit in ihrer nächsten Publikation (Wollstonecraft 1978, 7). Die Historikerin Barbara Duden schrieb gleich eine ganze Reportage über Berta Rahm, die in der Courage veröffentlicht wurde (Duden 1977, 12-13). Die neue Frauenbewegung war in vollem Schwung, feministische Ideen und Kämpfe sollten nicht erneut vergessen werden. Dabei waren die neuen Netzwerke, in denen dieses Wissen (wieder-)gefunden, bewahrt und unter die Leute gebracht wurde, von unschätzbarem Wert: Pionierinnen der Frauengeschichte wie Berta Rahm, Frauenbuchläden, Verlage und die ab 1978 entstehenden Archive unterstützen sich gegenseitig bei dieser Arbeit. So können wir, mehr als fünfzig Jahre später, feministisch lesen.

Literatur:
Duden, Barbara. Berta Rahm, in: Courage 1977 2 (5), S.12-13.
FMT, NA.09.013-1978: Selbstverlag West-Berlin (Hrsg). Frauenkalender `’78. Berlin: Selbstverlag.
FMT, FE.06.004-Bd.2: Wollstonecraft, Mary. 1978. Verteidigung der Rechte der Frauen. Band 2, herausgegeben von Berta Rahm. Zürich: Ala Verlag.`

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Frauenkalender '78 / Seite 78
Quelle
Frauenmediaturm - Feministisches Archiv und Bibliothek

LIESELLE queerfeministische  Bibliothek und Archiv

„Wir schreiben und lesen!“ ist die Überschrift des Flugblatts von ca. 1980, das von zwei Mitarbeiterinnen der Frauenarchivgruppe der Ruhr-Universität Bochum veröffentlicht wurde. Darin wird eingeladen, selbstgeschriebene Texte im Frauenarchiv zu lesen und vorbeizubringen, um gegenseitig das eigene Schreiben zu stärken und sich mit anderen schreibenden Frauen zu vernetzen. Das gemeinsame Lesen war Ausgangspunkt für den Austausch über die eigenen Erfahrungen beim Schreiben bzw. über den Inhalt des Geschriebenen. Geplant war zudem die Sammlung von Texten für die Veröffentlichung eines Buches. Feministische Schreib- und Lesegruppen waren fester Bestandteil von autonomer Frauen- und Lesbenpolitik.
Ort des gemeinsamen Lesens war in diesem Fall das Frauenarchiv an der Ruhr-Universität Bochum, das es seit 1978 an der Uni gab und Anlaufstelle für Studentinnen war, die auf der Suche nach feministischer Literatur waren.

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Flugblatt "Wir schreiben und lesen"
Quelle
Queer*Feministische Bibliothek und Archiv LIESELLE
Bildunterschrift
Verschiedene Krimis aus der Ariadne-Reihe im DENKtRÄUME-Bestand

 

Bildunterschrift
Postkarte der Ariadne Krimireihe mit dem Motto „Lesen statt putzen“

 

Frauen*bildungszentrum DENKtRÄUME

Unter dem Slogan „Lesen statt putzen“ veröffentlicht der unabhängige linke Hamburger Argument Verlag die Ariadne Krimis. 1988 wurde diese erste deutsche Frauenkrimireihe von der Soziologin Frigga Haug begründet – zu einer Zeit, als das Krimi-Genre noch eine Macho-Männer-Domäne war mit hartgesottenen Kommissaren und Frauen als hübschem Beiwerk.

Die Ariadne Krimis waren ein kleiner Skandal. Erstmals standen starke Frauenfiguren und Sozialkritik im Zentrum. Neben Verbrechen und Gewalt gab es Alltag, Abwasch und Kindergeschrei, Liebe und Politik, Lesbenromantik, Tagträume und politische Debatten. Viele große Themen wurden als Selbstverständlichkeit behandelt: Kritik an herrschenden Sexualverhältnissen, Installation der lesbischen Heldin als Normalität und gleichzeitige Infragestellung der männlichen Lebensweise als gesellschaftliche Norm.

Heute ist Ariadne eine renommierte Noir- und Politkrimi-Reihe, die mit dem Thema „Frauenkrimi“ jedoch nicht mehr allein auf dem Buchmarkt ist. Große Verlage haben die KrimiautorINNEN – und den Feminismus – für sich entdeckt. Doch der unabhängige Verlag bleibt seinen feministischen Qualitätsmerkmalen bis heute treu.

Seit Beginn sind die Ariadne-Krimis Teil der DENKtRÄUME-Bibliothek.

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