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Frauen und Natur

Teasertext

Anlässlich des Tags der Erde am 22. April widmen wir uns diesen Monat dem Thema Frauen und Natur, von Alice Salomons Dachgarten bis zur feministischen Stadtplanung. Schaut rein und genießt die Aussicht.

Text

Klimawandel ist in aller Munde. Neue Lösungen für Energieversorgung und Mobilität müssen her. Doch viele Ideen, die derzeit diskutiert werden, sind gar nicht so neu: Bereits Ende der 1970er Jahre gehörten Feministinnen zu den Pionierinnen neuer Ansätze für das Planen von Energie, Verkehr, Wohnen und Bauen. Nach und nach entwickelten sie eine feministische Kritik patriarchaler Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Sie debattierten über ressourcenschonende Energiegewinnung, alternative Energiemodelle, schadstoffarme Fortbewegung, die jetzt beliebten Lastenfahrräder sowie die Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Und aktuelle Konzepte wie die sogenannte „15-Minuten-Stadt“ haben ihren Ursprung ebenfalls in feministischen Konzepten zur frauen- und kinderfreundlichen Stadtplanung. Gestritten wurde über regressive Tendenzen in der Ökologie-Bewegung und über Konzepte von „Natur“ und „Natürlichkeit“.

Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die Frauenbewegung bereits mit der Natur – allerdings unter anderen Vorzeichen. Klimaschutz durch Stadtbegrünung war nicht der Sinn hinter dem Dachgarten der Sozialen Frauenschule Alice Salomons, doch die Idee von Naturverbundenheit war auch für diese Idee wichtig. Wir laden euch ein, mit uns in die Bestände der i.d.a. Einrichtungen zu blicken und den Ausblick zu genießen... 

Kölner Frauengeschichtsverein

Bildunterschrift
Vor fast 30 Jahren schrieben Maria Mies und Vandana Shiva ihr Buch „Ecofeminism“, das 1995 u.d.T. „Ökofeminismus“ auf Deutsch erschienen ist, 2016 in 2. überarb. Aufl. (vergriffen).

Kaum eine Wissenschaftlerin hat den Begriff Ökofeminismus so geprägt wie Prof. Dr. Maria Mies. Sie setzte sich für ein ressourcenorientiertes Wirtschaften ein und fand dafür Modelle bei den Land-Frauen in den Ländern des globalen Südens. Lange bevor das Thema in aller Munde war, machte sie sich Gedanken über ein Konzept des ‚guten Lebens‘ für alle, das sie unter anderem in einer befriedigenden Arbeit verortete und nicht im Konsum. Dafür stand sie auch in ihrem privaten Leben. Ihre theoretisch fundierten und gleichzeitig immer verständlich geschriebenen Bücher haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.

Der Kölner Frauengeschichtsverein ist im Besitz des Nachlasses von Maria Mies. In über 200 Archivkartons finden sich sowohl ihre eigenen Schriften in verschiedenen Bearbeitungsstufen und Veröffentlichungsformen, als auch Korrespondenz, Zeitschriften, Fotos, Videokassetten und viele andere „Schätze“. Der Großteil ihres Nachlasses ist für die Forschung und Nutzung als Bestand 80 verzeichnet und zur Nutzung verfügbar.

Link zum Interview von Gabriela Schaaf mit Maria Mies (2013):
https://frauengeschichtsverein.de/2024/03/04/oeko-feministin-maria-mies/

 

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Alice Salomon Archiv

„mit den werdenden Dingen in Verbindung bleiben“ – vom Dachgarten der Sozialen Frauenschule Alice Salomons

1914 entstand in Berlin-Schöneberg ein Schulhaus für die Soziale Frauenschule. Alice Salomon hatte den Bau beauftragt, nachdem die 1908 von ihr gegründete Sozialarbeitsschule aus den bisherigen Räumlichkeiten herausgewachsen war. Auf dem Hofgrundstück in der Barbarossastraße 65, das zum Pestalozzi-Fröbel-Haus gehörte, hatte zuvor ein Schuppen mit einer Krebskonservenfabrik gestanden.[1] Die Fertigstellung gelang vor Kriegsausbruch, „bevor der Mangel an Arbeitskräften und Material den Bau aufhalten konnte“.[2] In ihrer Autobiografie erinnert sich Salomon an den ungewöhnlichen Bauprozess: „Es gibt, glaube ich, sehr wenige Menschen, die so leichtsinnig und mit so wenig Rücksicht auf gesetzliche Formalitäten an einen Hausbau herangingen wie ich.“[3]

Ein besonderes architektonisches Element des Neubaus war der Dachgarten. Die Historikerin Despina Stratigakos schreibt über Salomons Idee: „Such rooftop gardens, then almost unknown in Berlin, would later become a common feature of modernist houses built in the Weimar era.“[4] Dora Peyser, von 1927 bis 1934 Alice Salomons Assistentin und Sekretärin, sah das Gebäude als einen „echte[n] Ausdruck moderner weiblicher Kultur“. [5] Alice Salomon war indes nicht (nur) von neuer, funktionaler Architektur inspiriert, als sie sich für den Dachgarten entschied: „Da es fast mein eigenes Haus war, wollte ich – in Erinnerung an meine Kindheit – mit den werdenden Dingen in Verbindung bleiben. Ich ließ das Pflaster an der Frontseite durch Gartenbeete ersetzen [...] Unser Schulgebäude hatte einen der ersten Dachgärten in Berlin, mit malvenfarbenen Rankengewächsen, roten Kletterrosen und richtigen Rasenstückchen, die eine Schweizer Schülerin euphemistisch als ‚Wiesen‘ bezeichnete.“[6]

Im Alice Salomon Archiv der ASH Berlin, das heute in ebendiesem Gebäude seinen Sitz hat, sind zahlreiche Fotos aus den 1920er Jahren überliefert. Insbesondere das Erinnerungsbuch, das Alice Salomon von Kolleg*innen 1929 geschenkt wurde, ist einen Blick wert.[7] Einige der darin enthaltenen Bilder zeigen Schüler*innen der Sozialen Frauenschule beim Unterricht oder auch zur Zigarettenpause auf dem Dachgarten. Diese Form der Nutzung sollte nicht von Dauer sein. Zwar wurde das Gebäude im Zweiten Weltkrieg nicht bedeutsam beschädigt, berichtete Dora Peyer: „Durch einen eigenartigen glücklichen Zufall schützte er Dachgarten die Schule im zweiten Weltkrieg: Eine Anzahl Brandbomben blieben darin stecken ohne zu explodieren.“[8] Spätere Renovierungsarbeiten ließen jedoch den Rasen und die Gewächse gänzlich vom Dach verschwinden.

Heute kann der Dachgarten nur noch in Ausnahmefällen betreten werden. Indes entsteht in Berlin-Hellersdorf ein Erweiterungsbau für die ASH Berlin, die institutionelle Nachfolgerin der Sozialen Frauenschule. Das Gebäude soll noch 2024 fertiggestellt werden – mit „Baumhainhof und einem Dachgarten.“[9]

Friederike Mehl, 27. Februar 2024


[1]Vgl. Dora Peyser, in: Hans Muthesius (Hg.): Alice Salomon - Die Begründerin des Sozialen Frauenberufs in Deutschland, Köln/Berlin 1958, S. 67

[2] Alice Salomon, Charakter ist Schicksal, 1983, 2. Durchgesehene Auflage 1984, S. 107.

[3] Alice Salomon, Charakter ist Schicksal, 1983, 2. Durchgesehene Auflage 1984, S. 105.

[4] Despina Stratigakos, Building the Modern City: A Women’s Berlin, Minneapolis/London 2008, S. 148.

[5] Dora Peyser, in Alice Salomon: Hand Muthesius (Hg.), Die Begründerin des Sozialen Frauenberufs in Deutschland, Köln/Berlin 1958, S. 68; vgl. Peter Reinicke, in: Hugo Maier (Hg.): Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg 1998, S. 467.

[6] Alice Salomon, Charakter ist Schicksal, 1983, 2. Durchgesehene Auflage 1984, S. 107

[7] Das Fotoalbum kann auch digital durchblättert werden: https://meta-katalog.eu/Record/9584ash

[8] Dora Peyser, in Alice Salomon: Hand Muthesius (Hg.), Die Begründerin des Sozialen Frauenberufs in Deutschland, Köln/Berlin 1958, S. 68.

Schülerinnen der sozialen Frauenschule auf dem Dachgarten
Quelle
Alice Salomon Archiv
Schülerinnen auf dem Dachgarten der Sozialen Frauenschule
Quelle
Alice Salomon Archiv
Alice Salomon auf dem Dachgarten der Sozialen Frauenschule
Quelle
Alice Salomon Archiv

FrauenMediaTurm

Dieses Jahr dreht sich im DDF-Projekt des FrauenMediaTurms alles um Ökofeminismus! Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen aus der autonomen Frauenbewegung gehörten zu den Pionierinnen für menschengerechte (statt autogerechte) Stadtplanung, ressourcenschonende Energiegewinnung und ökologische Bebauung. Im Rahmen unseres Projekts haben wir die Vorlässe zweier Pionierinnen akquiriert und sichern, erschließen und digitalisieren diese. 

Der größere dieser beiden Bestände ist von der Stadtplanerin Meike Spitzner zu uns in den Turm gekommen. Sie forscht bereits seit Jahrzehnten am Wuppertaler Institut für Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik aus feministischer Perspektive und vernetzt Akteurinnen miteinander. So war sie unter anderem bei der Feministischen Organisation von Planerinnen und Architektinnen (FOPA) aktiv. Neben Unterrichtsmaterialien, Manuskripte und Graphen zur Verkehrsplanung sind wir bei der Sichtung auch auf Dokumente und Redaktionsprotokolle der von der FOPA herausgegebenen Zeitschrift „Freiräume“ gestoßen. Wir sind gespannt auf die Schätze, die wir im weiteren Verlauf des Jahres finden werden. 

Auch von Christiane Erlemann, Mitgründerin des Aachener Frauenzentrums und des Netzwerks Frauen in Naturwissenschaft und Technik, erhalten wir einen Bestand zur Sicherung und Digitalisierung. Zusammen mit den Vorlässen, feministischen naturwissenschaftlichen Zeitschriften und Tagungsdokumentationen und weiteren grauen Materialien lassen sich so 50 Jahre feministische Wissenschafts- und Technikgeschichte nachvollziehen. Bisher sind die Materialien zur Verknüpfung zwischen der Neuen Frauenbewegung und der Forschung zu Mobilität, Energie und Ökologie nur bruchstückhaft erforscht. Wir beschreiten dieses Jahr den Weg, die Lücke zu schließen.

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